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Prospect Theory und Loss Aversion

Die klassische Ökonomie nahm an, Menschen entscheiden rational nach erwartetem Nutzen. Daniel Kahneman und Amos Tversky zeigten: Sie tun es nicht. Ihre Prospect Theory beschreibt, wie Menschen tatsächlich unter Risiko entscheiden. Drei Befunde tragen sie: Entscheidungen hängen von einem Bezugspunkt ab, die Empfindlichkeit nimmt ab, und Verluste wiegen schwerer als gleich große Gewinne (Verlustaversion).

Die Wertfunktion

Das Herzstück ist eine s-förmige Wertfunktion. Sie misst Wert nicht am Gesamtvermögen, sondern an Veränderungen gegenüber einem Bezugspunkt (dem Status quo). Nach oben (Gewinne) ist sie konkav, nach unten (Verluste) konvex und der Verlustast ist steiler. Genau diese Steilheit ist die Verlustaversion.

Gewinn → ← Verlust Wert + Wert − Bezugspunkt +100 → kleine Freude −100 → großer Schmerz Der Verlustast fällt steiler als der Gewinnast steigt.
Die Wertfunktion: Ein Verlust von 100 schmerzt spürbar mehr, als ein Gewinn von 100 erfreut typischerweise etwa doppelt so stark.

Verlustaversion im Alltag

Weil Verluste rund doppelt so schwer wiegen, lehnen Menschen faire Wetten ab: Die meisten nehmen eine Wette „50 % +100 € / 50 % −100 €" nicht an, obwohl sie im Mittel neutral ist. Erst wenn der Gewinn etwa das Doppelte des möglichen Verlusts beträgt, wird die Wette attraktiv.

gefühltes Gewicht Gewinn +100 Verlust −100 (≈ ×2)
Gleicher Betrag, ungleiches Gewicht: Der Schmerz des Verlusts überragt die Freude des Gewinns.

Der Bezugspunkt und das Framing

Weil nur Veränderungen zählen, hängt die Entscheidung davon ab, wie eine Option dargestellt wird der Framing-Effekt. „90 % Überlebensrate" und „10 % Sterberate" sind dieselbe Tatsache, lösen aber verschiedene Entscheidungen aus. Verschiebt man den Bezugspunkt, verschiebt sich die Wahl.

„90 % überleben" Frame: Gewinn „10 % sterben" Frame: Verlust gleiche Zahl verschiedene Entscheidung
Framing: Identische Fakten, unterschiedlich gerahmt, führen zu unterschiedlichen Wahlen ein direktes Resultat der Bezugspunkt-Abhängigkeit.

Wahrscheinlichkeiten werden verzerrt

Ein vierter Baustein: Menschen gewichten Wahrscheinlichkeiten nichtlinear. Kleine Wahrscheinlichkeiten werden übergewichtet (darum Lotto und Versicherungen), mittlere und große eher untergewichtet. Sicherheit hat einen Sonderwert der Sprung von 99 % auf 100 % zählt gefühlt mehr als der von 50 % auf 51 %.

tatsächliche W. Gewicht rational klein: über- gewichtet groß: unter- gewichtet
Die Gewichtungsfunktion weicht von der Diagonale ab: seltene Ereignisse fühlen sich wahrscheinlicher an, häufige unwahrscheinlicher.

Prospect Theory gegen klassische Nutzentheorie

AspektKlassisch (Nutzen)Prospect Theory
BezugGesamtvermögenVeränderung ggü. Bezugspunkt
Gewinne/VerlustesymmetrischVerluste wiegen schwerer
Wahrscheinlichkeitenlinearverzerrt (klein über-, groß untergewichtet)
Darstellung (Framing)irrelevantentscheidend

Prospect Theory (Nobelpreis 2002) wurde zur Grundlage der Verhaltensökonomie und erklärt viele scheinbar irrationale Entscheidungen. Sie steht neben anderen systematischen Denkfehlern wie der Base-Rate Fallacy und lässt sich mit bayesianischem Denken kontrastieren.

Quellen

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